Konzertbericht und Konzertfotos | 29. Juli 2012 | © Gerald Langer


Wolfgang Dauner und die österreichische Kavallerie

Das Doppelkonzert von Wolfgang Dauner und der Jazz Bigband Graz beim Hafensommer Würzburg hinterlässt gemischte Gefühle

© GERALD LANGER
WOLFGANG DAUNER SOLO | HAFENSOMMER WUERZBURG | 29-07-2012 |

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Würzburg (music-on-net) Ein Abend der Kontraste steht heute an. Zunächst ein Solokonzert von Wolfgang Dauner, im Anschluss daran das Ensemble Jazz Bigband Graz, kurz JBBG genannt. Doch der Reihe nach.

 

Mit Wolfgang Dauner entert ein besonders kreativer deutscher Künstler die schwimmende Bühne. Rein biologisch betrachtet vielleicht nicht mehr ganz jung, er feiert Ende des Jahres Jahr seinen 77. Geburtstag, ist er doch ein immer jung gebliebener Komponist und Musiker, der nicht nur die deutsche Jazzszene seit nunmehr einem halben Jahrhundert stark mit geprägt hat. Als nimmermüder Virtuose an den schwarzen und weißen Tasten kennt er keine Berührungsängste mit den verschiedensten Genres zeitgenössischer Musik. Den meisten Zuhörern dürfte er als Mitbegründer des legendären United Jazz & Rock Ensembles bekannt sein. Dieses Projekt hat er zwar mit neuer Mannschaft wieder aufleben lassen, heute erleben wir ihn solo am Konzertflügel. Unglaublich, welches Charisma von diesem Mann ausgeht, wenn er mit weitem flatterndem Hemd, Schildkappe, Turnschuhen und dunkel getönter Brille, sicherlich nicht mehr ganz leichten Schrittes an seinen Arbeitsplatz – den mittig auf der Bühne platzierten Flügel – schreitet, dort Platz nimmt, spielt und spielt und spielt, dass man dahin schmelzen kann.

 

Seine Stücke fordern Ruhe und Konzentration. Jedes Laufen über den Gitterrost am Fuß der Treppenanlage, jedes versehentlich umgeworfene Weinglas eine nahezu unverzeihliche Störung, die uns Dauner wahrscheinlich eher nachsieht als wir uns selbst und die anderen Zuhörer. Er kredenzt unter anderem ein griechisches Trinklied, eine Interpretation von Gershwin’s Porgy And Bess, My Funny Valentine von Richard Rogers und als Eigenkomposition den Wendekreis des Steinbocks. Bei geschlossenen Augen darf man gerne an die beiden amerikanischen Pianisten Keith Jarrett oder Chick Korea denken. Mit offenen Augen nimmt man den unverwechselbar fröhlichen und sympathischen Künstler aus Stuttgart wahr. Einige Male kündigt er das letzte Stück seines Sets an, um seinen Hinweis dann auch gleich wieder zu vergessen. Schelmisch erreicht er so knapp achtzig Minuten Spielzeit. Die meisten hätten ihm gerne noch länger zugehört und quittieren seinen Bühnenabgang mit tosendem Applaus. Der große Flügel muss jedenfalls nicht nur aus Transportgründen, sondern auch aufgrund Dauners zahlreicher energischer Eingriffe in dessen aufgeklapptes Innenleben sicherlich neu gestimmt werden.

 

Ein wahrlich wunderschöner Einstieg in einen Konzertabend, der eindrucksvoll demonstriert hat, wie wenig manchmal nötig ist, um uns zu berühren.

 

„Weniger ist (meist) mehr!“

JBBG | HAFENSOMMER WUERZBURG | 29-07-2012 | © GERALD LANGER
JBBG | HAFENSOMMER WUERZBURG | 29-07-2012 | © GERALD LANGER

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Den personellen und technischen Aufwand, den das Grazer Ensemble JBBG betreiben wird, konnten wir zuvor schon auf der wahrlich nicht gerade kleinen Hafenbühne bestaunen. Notenständer wohin man schaut, anhand derer die Anzahl der Akteure abzählbar scheint.

 

Die Konzert- und Albenkritiken bisher allesamt positiv, geradezu überschwänglich, sorgen für eine entsprechende Erwartungshaltung – natürlich auch bei mir. „Ein Quantensprung im großorchestralen Jazz“, so der Jazzexperte Klaus Schulze im deutschen Jazzpodium bereits im Jahr 2001. Wer mag ihm schon widersprechen, wenn musikalische Qualität so absolut gesetzt wird.

 

Gleich zu Beginn des in jeder Hinsicht denkwürdigen Auftrittes stelltHeinrich von Kalnein, Saxofonist/Flötist und künstlerischer Leiter des hochkarätig besetzten Ensembles seit dem Jahr 2003, seine Mitspieler vor. Durchaus eine schöne Geste, damit der Auftakt zu einem Bühnenereignis, dass mit einem klassischen Live-Auftritt - leider - nicht mehr allzu viel gemein haben wird.

 

Gespielt würde das aktuelle Konzeptalbum „Urban Folktales“ – Möglichkeiten zum Zwischenapplaus gäbe es – unter Hinweis auf Kinovorstellungen - laut Kalnein nicht. Wie recht er damit haben soll, geht mir in den nächsten Minuten schlagartig auf. Spontaneität und Improvisation, durchaus Merkmale üblicher Live-Auftritte, sucht man hier vergeblich. Diese Mannschaft ist auf Perfektion getrimmt und diese technisch-spielerische Brillianz wird durchaus eindrucksvoll zur Schau gestellt. Der FC Bayern würde sich eine solche Truppe wünschen und wahrscheinlich alle Pokale abräumen, die der europäische Fußball zu bieten hat.

 

Alle sind sie gut, im Ganzen wie auch als Solisten, insbesondere wenn sie Ihr Handwerk am vorderen Bühnenrand demonstrieren dürfen. Dass die auf dem Album vorhandenen Singstimmen eingespielt werden müssen, um möglichst nahe am Studio-Original zu bleiben - sehr schade.

 

Der von der Besuchertreppenanlage wahrnehmbare Sound – einwandfrei, schier unglaublich gut. Die Darbietung bleibt dennoch durchgehend High-Definition-Lichtspiel-Musik-Theater mit leicht bekömmlichen Videosequenzen und Projektion der Albumtitel samt deren Komponisten. Alles frei von Überraschungen. Bestenfalls der Reiz eines 3D-Kinos, wenn man den angekündigten Film nicht kennt.

 

Hier wird tatsächlich über siebzig Minuten lang das aktuelle Album samt Booklet nahezu eins zu eins präsentiert. Am Schluss gibt es als Zugabe - quasi noch den Bonustitel, um in der Terminologie zu bleiben - „The Magic Of Silence“, eine Hommage an den Simon & Garfunkel’s Klassiker „The Sound Of Silence“. Die „österreichische Kavallerie“, so bezeichnen sie sich scherzhaft selbst, verlässt die Bühne unter lautem Beifall des Publikums.

 

„Sophisticated Space-Folk-Jazz-Groove“ – diese Bezeichnung für die spezielle musikalische Melange der gespielten Bandbreite der Band ist wahrscheinlich noch zu kurz gegriffen. Sie sprengen alle musikalischen Genres, fusionieren unterschiedlichste Stilrichtungen und sind am Schluss doch Gefangene ihres selbst geschaffenen Universums.

 

Sie haben uns sicherlich alle beeindruckt, mich persönlich bei ihrem Auftritt aber leider nicht wirklich berührt. Schließt nicht aus, dass ich mir noch das eine oder andere Album des Ensembles zulege und bei geschlossenen Augen dann meinen eigenen Film ablaufen lasse.

 

© Gerald Langer (29-07-2012)


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