Konzertbericht und Konzertfotos | 23. März 2013 | © Gerald Langer


Der große Absorber

Steven Wilson begeistert mit einer grandiosen Band das Publikum in der ausverkauften Hugenottenhalle von Neu-Isenburg

STEVEN WILSON | NEU-ISENBURG | HUGENOTTENHALLE | 23-03-2013 | © GERALD LANGER
STEVEN WILSON | NEU-ISENBURG | HUGENOTTENHALLE | 23-03-2013 | © GERALD LANGER

Neu-Isenburg (music-on-net) - Steven Wilson ist derzeit angesagt, wenngleich die Sparte von Musik, für die er steht, das weite Feld des Prog-Rock, nach wie vor eher ein Nischendasein fristet. Die einschlägigen Fanzines und Magazine mögen das möglicherweise anders sehen.

 

Das Konzert in der Neu-Isenburger Hugenottenhalle ist ausverkauft bis auf den letzten Stuhl, was mehr als eintausend Besucher bedeutet. Richtig – bestuhlt! Es soll kein herkömmliches Rockkonzert werden. Natürlich war dies die Idee von Steven Wilson, die er während des Konzertes lakonisch schmunzelnd dementieren wird. Doch alles braucht seine Ordnung. Und dieser Mann ist Perfektionist und schart um sich ausschließlich Mitspieler, die ebenso dieser besonderen Spezies angehören.

 

Das Konzert beginnt – wie sollte es anders sein, unter Berücksichtigung des akademischen Viertels - exakt um 20:15. Die Fotografen werden, von der Security begleitet, ins Auditorium geführt und in Startposition gebracht. Wir sollen Acht geben auf den schwenkenden Kamerakranausleger, der die gesamte Show filmen wird. „Die ersten drei, ohne Blitz“ und nicht aus dem Fotograben, der von weiteren Kameraleuten belegt ist. Ein Glück, dass Steven Wilson kein Freund von zweieinhalb Minuten Songs ist, sondern sich regelmäßig – inhaltlich, qualitativ und eben auch, was die Spiellänge angeht – meist deutlich außerhalb der Radiotauglichkeit bewegt.

 

Das Publikum wurde vor der Show ganz subtil berieselt und beträufelt von Song- und Videofragmenten aus dem umfassenden Oeuvre des Multitalentes Wilson. Mit dem komplexen Luminol, der Opener des aktuellen Albums The Raven That Refused To Sing startet die Band durch. Zwölf Minuten dauert es bis zum ersten Applaus, der bereits erkennen lässt, dass sich heute Abend die Enthusiasten des Genres auf der Bühne und im Publikum gefunden haben.

 

„We like enthusiasm“ wird der Meister später verkünden, zu einem Zeitpunkt, zu dem er uns längst in sein Prog-Rock-Universum katapultiert hat und wir aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen. Alben hören, Musik-DVD’s ansehen – alles schön und gut, aber den Entstehungsprozess der vielfältigen Meisterwerke aus dem Hause Wilson sollte man unbedingt auf der Bühne beobachten und miterleben. Steven Wilson erweist sich heute Abend zudem als galanter und schlagfertiger Entertainer, nimmt Publikumsrufe auf, beantwortet diese und erklärt auch den Fahrplan des Konzertabends. Es darf und soll zu vorgerückter Stunde auch stehend gerockt werden. Er hat das Zepter – wie immer - in der Hand. Und wenn gefilmt wird, muss eben alles noch perfekter sein.

 

Im Gegensatz zur The Incident Tour 2009 von Porcupine Tree, bei der das damalige Konzeptalbum durchgehend am Stück präsentiert wurde, spielt die Band heute sehr wohl das gesamte aktuelle Album, aber mischt altes Material geschickt unter, so dass ein schier unfassbarer Spannungsbogen entsteht.

STEVEN WILSON | NEU-ISENBURG | HUGENOTTENHALLE | 23-03-2013 | © GERALD LANGER
STEVEN WILSON | NEU-ISENBURG | HUGENOTTENHALLE | 23-03-2013 | © GERALD LANGER

Ach ja, der Vorhang. Der Vorhang hängt, Steven sei es gedankt, nicht gleich bei den ersten drei Songs, sondern wird erst bei The Watchmaker herunter gelassen. Er dient der Projektion des zugehörigen Videos und gönnt der Band zwar keinerlei Verschnaufpause und Unbeobachtetsein, hat aber für das Publikum etwas Meditatives. Dies tut gut, bevor nach dessen Fall, wie zuvor angekündigt, endlich stehend gerockt werden darf.

 

Das gilt im Übrigen auch für die Old Folks, deren zahlenmäßig nennenswerte Präsenz auch dem mittlerweile 45-jährigen Wilson aufgefallen sein dürfte. Zu den Old Folks darf auch ich mich schon längst zählen. Wir Oldies sind noch einigermaßen gut in Schuss und freuen uns über all die musikalischen Assoziationen, die Steve Wilson heute Abend bei uns weckt.

 

Wilson ist der große Absorber, der die frühen Genesis, dort insbesondere Steve Hackett, mit dem er just zusammengearbeitet hat, Jethro Tull, King Crimson, deren erste maßgeblichen Alben er in den letzten Jahren remastered hat, immer wieder aufs Neue kurz ins Gedächtnis ruft. Dabei wird nicht blindlings dort Bewährtes übernommen, sondern die jeweiligen Essenzen verleibt sich Wilson so ein, dass eben auch sehr viel Unerhörtes entstehen kann und Prog-Rock nicht mehr eine bloße Phase der 1960er und 1970er Jahre ist, sondern derart verwurzelt in der Gegenwart stehen und sicherlich auch bestehen kann.

 

Manchmal wird auch bloß sauber und provokativ zitiert, wie zum Beispiel die Uhren von Pink Floyds Jahrhundertalbum Dark Side Of The Moon. Natürlich wird diese Assoziation sofort lauthals von Kennern der Materie herausgebrüllt – Pink Floyd! Korrekt auch der Konter von Steven Wilson: „Wer glaubt, dass Pink Floyd das Uhrticken erfunden haben, glaubt wohl auch, dass Led Zeppelin den Blues erfunden haben!“

 

Ob allerdings Porcupine Tree noch eine realistische Bandzukunft haben oder auch weiterhin ein Dasein als ein auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegtes Projekt fristen wird, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Meine Prognose lautet allerdings „nein“.

 

Nach exakt zwei Stunden Programm gibt Steve Wilson eine Zugabe – Porcupine Tree’s Radioactive Toy. Im Refrain – für alle gut verständlich

 

„Give Me The Reason To Destroy, Give Me Radioactive Toy“

 

Seine aktuelle Band mit dem Deutschen Marco Minnemann am Schlagzeug, Nicky Beggs am Bass (hat nach Kajagogoo auch schon mit Steve Hackett zusammen gespielt), Adam Holzman an den Keyboards (hat in den 1980er Jahren mit Miles Davis zusammen gearbeitet), Theo Travis an Flöte, Klarinette, Saxophon und Guthrie Govan an der Gitarre harmoniert derart perfekt, dass eine Rückkehr zu den guten alten Porcupine Tree, die ich wahrlich sehr schätze, wie ein Rückschritt anmuten muss.

 

Der zweifellos übertalentierte Tausendsassa, Workaholic, Multiinstrumentalist und vielseitige Studioarbeiter hat sich derartig nach vorne katapultiert, dass er kaum Zeit finden wird, alte Brötchen wieder aufzubacken. Eher ist zu vermuten, dass er neben zahlreichen anderen laufenden Projekten noch weitere ins Leben rufen wird.

 

Er hat sich definitiv nicht einem klassischen Familienleben mit Kindern verschrieben, wie er unlängst der Zeitschrift Eclipsed gestand, sondern seiner Kunst, die er rastlos betreibt und weiter treibt. Wir hoffen, dass ihm bei allem Tatendrang dabei nicht die Luft ausgeht. Der Mensch lebt schließlich nicht von der Kunst allein.

 

© Gerald Langer

 


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setlist steven wilson


01.  Luminol

02.  Drive Home

03.  Pin Drop

04.  Postcard

05.  The Holy Drinker

06.  Deform To Form A Star

07.  The Watchmaker

08.  Index

09.  Insurgentes

10.  Harmony Corine

11.  No Part Of Me

12.  Raider II („Raider I Was Shit“)

13.  The Raven That Refused To Sing

14.  Encore: Radioactive Toy (Porcupine Tree) + Ljudet Innan (Storm Corrosion)

 


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