Konzertbericht und Konzertfotos

Das Mittelalter rockt

Schandmaul im Festungsgraben Würzburg

SCHANDMAUL | FESTUNGSGRABEN WUERZBURG  | 03-08-2012 | © HANS WILL
SCHANDMAUL | FESTUNGSGRABEN WUERZBURG | 03-08-2012 | © HANS WILL

Würzburg (music-on-net) Die Festspielsaison im Würzburger Neutorgraben läuft. Nachdem in den vergangenen Wochen Loreena McKennitt als auch Hubert von Goisern in diesem besonderen Ambiente aufgetreten sind, stehen heute die Schandmäuler aus dem Großraum München an. Bayerisch wird’s dennoch nicht. Schandmaul hat sich dem mittelalterlichen Rock verschrieben. Und der passt in den Festungsgraben, wie sprichwörtlich: „die Faust auf’s Auge“.

 

Doch für einen gelungenen Warm-Up sorgen heute „Hillarious“ aus Würzburg. Dem einen oder anderen dürften sie als Gewinner des Straßenmusik-Wettbewerbs beim 2008er Umsonst-und-Draußen-Festival in Würzburg vielleicht noch bekannt sein. In der Szene der Folker sind sie jedenfalls keine No-Names. Dennoch bietet sich für die noch immer junge Band heute die Chance, ein größeres Publikum als Support von Schandmaul zu erreichen.

 

Sie liefern ein sehr ordentliches halbstündiges Set und überwiegend einen Querschnitt aus den Stücken ihrer beiden Alben „In Passing“ und „Need More Sheep“. Die Band hat schon einige Wechsel erleben müssen. So als eine ehemalige Flötistin nach Irland auswanderte. Wen wundert’s – zu viel von Schafen gesungen? Hillarious wirken noch immer wie eine – allerdings musikalisch sehr versierte – Schülerband. Ihr Kosmos ist erkennbar stark von der irischen Folklore geprägt. Sie nennen ihn selbst „Irish Sheep Folk Rock“ und haben sichtlich viel Spaß dabei ihn zu zelebrieren. Von der irischen Rahmentrommel, Flöte und Violine zum Bass hat das Septett alles dabei, um eine wohlige Atmosphäre aufkommen zu lassen. Das Publikum quittiert dies mit weit mehr als nur höflichem Applaus.

 

Überhaupt – das Publikum bei diesem Konzertabend ist schon bemerkenswert. Ein schwarzes Oberteil – am besten ein entsprechendes T-Shirt mit dem Aufdruck bisher erlebter Schandmaul – Touren ist ungeschriebenes Gesetz. Männer im Kilt oder sonst wie mittelalterlich anmutendem Outfit fallen wahrscheinlich nur mir auf. Barcode-Tattoos am blassen Nacken hatte ich noch nie in der Vielzahl gesehen. Man hat Zeit zu gucken, wenn man bei einem Konzert mal nicht fotografiert. Da stehe ich nun im kurzärmeligen weißen Oberhemd und doch schon leicht verschwitzt.

 

Pünktlich um 20:30 betreten die Schandmäuler die Bühne und legen los. Mittelalter-Folk-Rock würde ich gemeinhin für ein Nischenprodukt halten. Stimmt nicht – die Nische, in diesem Fall der Neutorgraben – ist bestens gefüllt. Und das besagte Genre zieht seine Hörerschaft durchaus aus allen Altersschichten. So alt komme ich mir heute gar nicht vor – Mittelalter eben.

 

Die Schandmäuler selbst treten heute nicht in Stammbesetzung auf . In beinahe selbiger hatte ich sie letztes Jahr beim Taubertal-Festival erleben können. Heute fehlen die beiden Damen – Anna und Birgit. Dürfen sich um ihren Nachwuchs kümmern. Frontmann Thomas Lindner mag ich hier nicht zitieren.

 

Doch die Band bietet hochwertigen Ersatz an: das „Irrlicht“ Jutta Simon-Alt an allen möglichen Pfeifen und Flöten sowie „Ally – The Fiddle“ an der Violine. Und die beiden sind wirklich alles andere als zweite Wahl – sie sind grandios und sind, obwohl Zugeladene, doch diejenigen, die aus einer sonst guten Rockband erst „Schandmaul“ machen.

 

Unglaublich, wie ein so uncharismatischer Sänger wie Thomas Lindner doch für eine Band so wertvoll sein kann. Er bildet mit seiner klaren und lauten Stimme, mit seiner ausgeprägten Körpersprache die Klammer zwischen der überwiegend im Hintergrund auf Podesten platzierten Rockband mit dem klassischen Instrumentarium aus Schlagzeug, Bass und E-Gitarre und den besonders stilbildenden Streichern und Bläsern im Bühnenvordergrund.

 

Höhepunkte der Show für mich die, in denen etwas Dampf herausgenommen wird und das Set stärker auf akustische Akzente setzt. Hier kommt es wirklich zur Verschmelzung von Rock und Folk.

 

Im Mittelpunkt steht das „Traumtänzeralbum“, doch auch aus dem übrigen Werk der Band bedient man sich. Gute einunddreiviertel Stunden Schandmaul in passender räumlicher Atmosphäre mit einer sehr ordentlichen und daher auch erwähnenswerten Lightshow. Konzertabend also gelungen.

 

Und ich kauf mir gleich morgen einen Rock – war ein Scherz!

 

© Gerald Langer (03-08-2012)


HILLARIOUS | FESTUNGSGRABEN WUERZBURG | 03-08-2012 | © HANS WILL
HILLARIOUS | FESTUNGSGRABEN WUERZBURG | 03-08-2012 | © HANS WILL