Konzertbericht und Konzertfotos | 28. Juli 2012 | © Gerald Langer


Keine kühlen Damen aus dem hohen Norden

Das Doppelkonzert von Rebekka Bakken und Synje Norland beim diesjährigen Hafensommer in Würzburg

REBECCA BAKKEN | HAFENSOMMER WUERZBURG | 28-07-2012 | © GERALD LANGER
REBECCA BAKKEN | HAFENSOMMER WUERZBURG | 28-07-2012 | © GERALD LANGER

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Würzburg (music-on-net.com) Nachdem Nils Peter Molvaer, Stian Westerhus und Erland Dahlen den gestrigen Abend am Hafensommer auf ihre ganz besondere Art und Weise ausgestalteten, steht heute ein Doppelkonzert an, welches leichtere Zugänglichkeit vermuten lässt. Der Abend beginnt mit einem ordentlichen Regenschauer vor dem Konzertauftakt. Hatte der künstlerische Leiter, Jürgen Königer, versehentlich die schlechtes Wetter im kein erstickende Sonnenbrille abgelegt? Nach Ausgabe von Plastiküberhängen seitens des Veranstalters klart das Wetter auf und stabilisiert sich entsprechend.

 

Mit Synje Norland beginnt der Abend mit einer Künstlerin, deren Name, ich gebe es gerne zu, mir nur aus den Vorankündigungen des aktuellen Hafensommerprogramms bekannt war. Nun gibt es die Möglichkeit sich durch alle Möglichen im Netz angebotene Bild- und Tonkonserven zu klicken, damit man sich schon einmal ein „Hörbild“ machen kann. Habe ich nicht gemacht, sondern mich so, wie die meisten Zuhörer auch, einfach überraschen lassen.

 

Und: Die Überraschung ist gelungen.

 

Die Nordfriesin führt charmant durch das Set und gibt ihren beiden Mitstreitern auf der Bühne, Michael Becker am Cello und Micha Holland am Bass, den nötigen Spielraum. Sie selbst spielt akustische Gitarre, bei wenigen Stücken die leichte „ Elektrische“ ihres Vaters. Ein Schlagzeug vermisst heute Abend niemand. Spannend auch die Momente, wo sie sich aus dem Zusammenspiel heraushält, die Augen schließt, sich stehend zurücklehnt und Cello und Bass ein kurzes Frage- und Antwortspiel eröffnen.

 

Würzburg kennt Synje schon – hat vor nicht allzu langer Zeit im „Wunschlos Glücklich“ gespielt. Auf der Rückfahrt hätte sie dann das Auto von Michael Becker etwas geschrottet. Wahrscheinlich hat er dazu lediglich schelmisch geschmunzelt. Also – nur beste Erinnerungen an die Stadt. Auch wir werden sie heute Abend in bester Erinnerung behalten, nicht nur wegen des eindrucksvollen Musizierens mit Weingläsern und einfachsten Kinderglockenspielen. Ihre glockenklare Stimme hallt noch immer nach. Sie war weit mehr als nur der Support für die von ihr von Jugend an geschätzte Rebekka Bakken. Die Chance für eine zweite Zugabe gibt es leider nicht. Das Publikum findet dies schade, aber die Regie muss streng sein, um den verabredeten Zeitplan zu halten.

 

Setlist Würzburg:

 

Pages + Over it + I will + Another Perfect Song + Army Dreamers + How It Is + Love Shuffle + Apologize + My Heavy Heart + Running Game + Escape + Ishmael + What Would? + Zugabe: In Front Of you

 

Synje Norland – voc, git / Michael Becker – cello / Micha Holland – bass

 

SYNJE NORLAND | HAFENSOMMER WÜRZBURG | 28-07-2012 | © GERALD LANGER
SYNJE NORLAND | HAFENSOMMER WÜRZBURG | 28-07-2012 | © GERALD LANGER

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Unter all den Sängerinnen Skandinaviens, welche die europäische Jazzszene, besser Musikszene nun schon seit Jahren beglücken, hat Rebekka Bakken wohl am meisten Ausstrahlung.

 

Der Beginn des Konzertes lässt die Diva-Qualitäten der Dame erahnen. Werden die Künstler üblicherweise seitlich über die breite Treppenanlage zur Bühne geführt, dies trifft auch für ihre Begleitband zu, wird der heutige Star schnurstracks zentral auf die Bühne begleitet. Auch mein prall gefüllter Fotorucksack muss ganz schnell weichen. Die Band spielt schon ein Intro.

 

Die Frau ist für die Bühne geschaffen – und das weiß sie selbst am besten. Jazz – ja auch, aber nur in eher zurückhaltenden Ansätzen. Immer wieder hat sie sich – meines Erachtens vollkommen zu Recht - gegen die Ettiketierung „Jazz-Sängerin“ zu rechtfertigen versucht. Seit ihrem USA-Aufenthalt passt das Emblem Singer-/Songwriterin wohl besser. Ihr Spektrum bewegt sich heute zwischen der Melancholie eines Chansons, dem Blues, dem Folkrock bis hin zur Rockmusik der durchaus härteren Gangart.

 

Ihre vorzügliche Band mit Lars Danielsson am Bass, Rune Arnesen an den Drums, Börge Petersen–Överleier an der Gitarre und Mathias Leber am Piano und sonstigen Keyboards pariert zunächst brav. Rebekka Bakken hat das Zepter zwar unsichtbar, aber für jeden spürbar in der Hand.

 

Das Terrain zum Rocken wird erstmalig freigegeben, nachdem sich eine Zuhörerin aus dem „Off“ mit unqualifizierten störenden Zwischenrufen zu Wort gemeldet hat. Auf jeden Fall eine passende Antwort auf die außer-programmmäßige verbale Belästigung. Die zunächst innerlich ausgetragene Verärgerung über diese Art von Störung bleibt dennoch spürbar.

 

Das musikalische Programm gemischt, allerdings mit deutlichen Akzenten bei ihrem aktuellen Album „September“. Ansagen in Deutsch und akzentfreiem Englisch – auch über die vielen Herausforderungen im Leben, zum Beispiel (unfallfrei mit hochhakigen Stiefeln) die Treppe herunterzukommen, die zur Schau gestellte Frisur bis zum „couple of naked boys on the backseat of my car“.

 

Sie tritt auf wie einst die junge, kratzbürstige und ungestüme Alanis Morissette, frech und fordernd. Momente später klingt sie wie die allzu früh verstorbene Eva Cassidy. Sie hat viele Gesichter, diese Rebekka.

 

“There is no easy way to say goodbye” aus dem Album “Morning Hours” bereitet das Finale vor. Als Zugabe noch “Ghost in this house”, dann verschwindet die Band nach gut achtzig Minuten hinter der Bühne. Zugaberufe verschallen sicherlich nicht ungehört, aber erfolglos. Der obligatorische Blumenstrauß an die Künstlerin muss leider hinter der Bühne übergeben werden. Das glückliche Gesicht des Veranstalters hätten wir dabei doch allzu gerne gesehen.

 

Doch auch ansonsten selbstbewusste Frauen sind verletzlich oder können sich ärgern. Macht sie andererseits menschlich und sympathisch.

 

© Gerald Langer (28-07-2012)

 


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