Konzertbericht und Konzertfotos | 19. April 2012 | © Gerald Langer


Der immer währende Spass am musikalischen Experiment

Oregon am Donnerstag, den 19.04.2012 im Aschaffenburger Colossaal

OREGON | COLOSSAL ASCHAFFENBURG | 19-04-2012 | © GERALD LANGER
OREGON | COLOSSAL ASCHAFFENBURG | 19-04-2012 | © GERALD LANGER

Aschaffenburg (music-on-net.com) Das Colossaal mag sich unverständlicher Weise heute Abend nicht so recht füllen. Bis kurz vor Einlass wird noch die Raumakustik austariert, sprich „Soundcheck“ betrieben. Auch nach mehr als vierzig Jahren des Zusammenspiels hat die Formation noch den allerhöchsten Anspruch an das - ach so - flüchtige Produkt Livemusik.

 

Um 20:20 beginnt dann ein musikalischer Parkour der Sonderklasse. Wortlos, dennoch mit einem gewinnenden Schmunzeln im Gesicht, betritt das Quartett die nach vorne etwas erweiterte Bühne, die so etwas an Tiefe gewinnt. Sehr angenehm für die Präsentation der Band und für die Platzverteilung der Instrumentierung.

 

Ein optischer Genuss allein schon, wie Paul McCandless die passende Brille sowie das geeignete Mundstück für das gewählte Blasinstrument aus der Schatulle nimmt. Nach den ersten drei Stücken eine kurze Anmoderation durch McCandless, der zusammen mit dem vergleichsweise jungen Schlagzeuger Mark Walker (*1961) durch das Programm führen wird.

 

Viele Kompositionen von Mastermind Ralph Towner (*1940) werden gespielt, der sich allerdings überhaupt nicht zu Wort meldet. Er ist ein Mann der Tat, des wahren „Multitaskings“ und deshalb vorrangig und hochkonzentriert mit seinem Instrumentarium - Akustikgitarre, einer auffälligen Frame-Guitar, Piano und Synthesizer - beschäftigt.

 

Towner genoss zunächst eine klassische Ausbildung zum Trompeter und brachte sich selbst dann auch noch das Klavierspiel bei. Anfang der 1960er Jahre folgte eine Ausbildung im klassischen Gitarrenspiel an in Wien. Im Jahre 1970 schloss er sich in New York als Gitarrist und Pianist dem Paul Winter Consort an. Dort lernte er den Bassisten Glen Moore (*1941) und den Perkussionisten Collin Walcot kennen. Ihnen gesellte sich auch der junge Oboist Paul McCandless (*1948) hinzu. Das Quartett firmierte zunächst als Thyme, bevor es sich - in Anlehnung an die Herkunft von Ralph und Glen - in Oregon umtaufte. In dieser Stammbesetzung spielte Oregon bis zum tragischen Unfalltod von Colin Walcott im Jahre 1984.

 

Nach einem Intermezzo mit Trilok Gurtu am Schlagzeug, der über viele Jahre sehr gut mit Walcott befreundet war, gehört nun Walker seit 1996 zur Band. Und hier spielt er seit Jahren durchaus auf Augenhöhe mit den drei Altmeistern im Spannungsfeld von Jazz, Weltmusik und europäischer Kammermusik.

 

Dem Schlagzeug und allen anderen von Walker ins Spiel gebrachten kleineren Rhythmusinstrumenten kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Die Perkussion ist häufig das Fundament für das musikalische Frage- und Antwortspiel der Band. Die diversen Duelle von Glen Moore‘s mächtigem Bass, den dieser in brillanter Fingertechnik, selten unter Zuhilfenahme des Bogens, spielt mit dem Piano von Towner oder den dezent akzentuierenden vielfältigen Blasinstrumenten von McCandless, der zeitweise gar zwei Instrumente gleichzeitig bedient, sind wahrlich Balsam für die Ohren. All dies nicht primär als Showelement gedacht, sondern jeglicher Einsatz immer nur der Musik dienlich.

 

Was hält eine Formation wie Oregon solange am Leben? Es sind sicherlich die vielen Seitenprojekte der Bandmitglieder, Lehraufträge an Hochschulen, fortwährender Erfindergeist und die jahrzehntelange kreative Freundschaft, die bei ihnen immer wieder neue Impulse freisetzt.

 

Auch am heutigen Abend werden die schier unbegrenzt erscheinenden Spielmöglichkeiten aufs Neue ausgelotet. Jede Komposition ist zugleich auch Improvisation. Altes wird mit Aktuellem in den zwei jeweils einstündigen Sets kombiniert. Ausblicke gibt es auch auf das im Herbst erscheinende neue Album. Langeweile kommt so weder bei den Zuhörern, noch bei der Band auf. Es macht ihnen sichtlich Freude zwischen vergleichsweise eingängigen Kompositionen und eher Experimentellem, oft mit eingespielten Soundschnipseln von Towner versehen, hin und her zu pendeln.

 

Das Publikum quittiert den Auftritt mit herzlichstem Beifall. Am Schluss zwei Zugaben und der Ausblick auf Oregon zusammen mit der HR-Bigband im Frühjahr 2013 in Aschaffenburg. Dann sicherlich nicht im Colossaal, sondern in größeren Räumlichkeiten und - hoffentlich - ausverkauft. Musiker mit dieser Qualifikation hätten es verdient.

 

 

© Gerald Langer (19-04-2012)

 

 


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