Konzertbericht und Konzertfotos | 27. Juli 2012 | © Gerald Langer


Norwegische "Blue Man Group" verzaubert die Hafenbühne

Nils Petter Molvaer, Stian Westerhus und Erland Dahlen haben die Latte für alle nachfolgenden Künstler beim diesjährigen Hafensommer in Würzburg beachtlich hoch gelegt

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NILS PETTER MOLVAER BAND | HAFENSOMMER WUERZBUG | 27-07-2012 |

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Würzburg (music-on-net) Knapp fünf Millionen Einwohner, nicht unbedingt von der Sonne verwöhnt, von Gebirgsketten und kargen Hochebenen geprägt, Heimatland des Komponisten Edvard Grieg und des Malers Edvard Munch, hat sich das Königreich auch zu einem Pool weltweit anerkannter Musiker, die im weitesten Sinne dem Jazz zuzurechnen sind, entwickelt.

 

Bevor die Nils Petter Molvaer Band aufspielt, gibt Stian Westerhus an der E- Gitarre einen Vorgeschmack auf den Abend. Im Hinterkopf habe ich – wahrscheinlich nicht nur ich - die Performance von Elliott Sharp Plays The Music Of Thelonious Monk/ Octal / Velocity Of Hue am vergangenen Mittwoch. Dessen Kurzvorstellung ist mit schwer zugänglich, anstrengend und fordernd wohl nur unzureichend beschrieben. Sollte sich der heutige Abend ähnlich gestalten? Um es vorweg zu nehmen – nein!

 

Der Zuhörerkreis dürfte ohnehin weitestgehend aus Personen bestanden haben, die die Arbeiten des Trompeters Molvaer gut bis sehr gut kennen und ihn vielleicht zuvor auch schon in anderen Bandbesetzungen live erlebt haben.

 

Einen Soloauftritt von Stian Westerhus an den Beginn des Abends zu setzen, war eine clevere Entscheidung des Veranstalters. Zuzusehen, wie der 33-Jährige sein Instrument bearbeitet, dessen Sounds derart verändert, gerne auch unter Zuhilfenahme eines Violinbogens, dass man an frühe expressive Werke von Eberhard Schöner oder Klaus Schulze und damit eher an einen Moog-Synthesizer erinnert wird als an eine E-Gitarre, ist sensationell. Dann wird er plötzlich zum Jimi Hendrix und bearbeitet seine Gitarre mit dem Mund weiter. Seine zum Teil dekonstruktive Spielart und das sich anschließende Aussöhnen in bekömmlichere Harmonien fesselt den Zuhörer.

 

Eine knappe dreiviertel Stunde konzentriertes, aber keineswegs anstrengendes Zuhören und Staunen, bis sich Westerhus, beim Publikum zuvor höflich bedankend, für einige Zigarettenlängen verabschiedet. Vorher hatten sich bei ihm schon zwei Gitarrensaiten verabschiedet, was allerdings die wenigsten bemerkt haben dürften.

 

Der Mann scheint sich jetzt schon enorm verausgabt zu haben. Wie wird er sich in das Trio um Nils Petter Molvaer einbringen? Heute ist der bisher wärmste Tag des Jahres und wir Zuschauer haben mit der messbaren und vor allem fühlbaren Temperatur schon unsere liebe Not. Irgendwie klebt alles.

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STIAN WESTERHUS | SOLO | HAFENSOMMER WUERZBURG | 27-07-2012

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Gute zwanzig Minuten Umbaupause vergehen wie Fluge. Gerade lang genug, um die positive Grundeinstimmung beim Publikum wahrnehmen zu können. Es hat gefallen und viele sind mit dem „Warm Up“ schon höchst zufrieden.

 

Die Hafenbühne blau ausgeleuchtet – die Norweger – mit Erland Dahlen am zentral platzierten Schlagzeug – nehmen behutsam Fahrt auf. Blau bleibt auch die bestimmende Farbe des Abends. Die Trompete von Molvaer, die eher zurückhaltend eingesetzt wird, dafür immer wieder vom Meister auch verfremdet wird, (wenn er nicht gerade dabei ist, am nebenstehenden „Apfel“- Book und seiner Peripherie herumzufrickeln), tönt in die blaue Nacht hinein.

 

Gewitter und anschließender Donner beim abendlichen Konzert nur dann, wenn Erland Dahlen, Mitglied der derzeit auf Eis gelegten Indie-Rockband Madrugada, es so will. Gefühlvolles Schlagzeugspiel hier, auch Stian Westerhus schaltet einen Gang zurück, um dem Auftritt des Trios dienlich zu sein.

 

Und die heutige Show ist famos. Die Musik, die ich bisher nur von Tonträgern und häufig – zur besseren Konzentration - über Kopfhörer aufgenommen habe, wird visuell bestens umgesetzt. Das Licht mag dem Fotografen vielleicht nicht immer liegen, dies ist alles zweitrangig, wir sind hoffentlich allesamt wegen der Musik hier und wollen das, was sonst eher konstruiert und anschließend abgemischt klingt, „live“ erleben. Und es ist ein Erlebnis allererster Güte. Die bloße Fusion von Jazz und elektronischer Musik, um die sich insbesondere Molvaer über Jahre verdient gemacht hat, scheint überwunden. Miles Davis als eines seiner künstlerischen Vorbilder an der Trompete zu erwähnen geradezu müßig.

 

Im gemeinsamen Auftritt der drei exzellenten Musiker werden Traumbilder gemalt, die Westerhus zuvor mit seinem exaltierten Gitarrenspiel anskizziert hat. Dabei wird säuberlich darauf geachtet, dass diese Bilder, die teilweise auch in unseren Köpfen entstehen (sollen), nicht übersättigt werden. Einfach spannend – dann nur eine Zugabe. Es reicht eigentlich auch – wir wollen diese wunderbare Musik – ist es überhaupt mit Musik im klassischen Sinne richtig beschrieben? - nicht blind konsumieren, wir wollen sie genießen. Und dazu hatten wir heute ausreichend Gelegenheit.

 

Fest dürfte stehen, dass auch diese Formation nicht in alle Ewigkeit bestehen wird. Dazu sind diese Musiker für sich genommen viel zu sehr Suchende und damit ein jeder auch ein „Nimmersatt“. Sie wollen gefordert werden und andere, ob Musikerkollegen oder uns Zuhörer, immer wieder fordern und aus der Reserve locken. Ohne hilflosen Blick auf irgendwelche Verkaufszahlen und Chartergebnisse.

 

Sind wir glücklich, dass wir heute Abend Augen- und Ohrenzeugen des gemeinsamen Auftrittes dreier norwegischer Ausnahmemusiker geworden sind. Unendlich viele Gelegenheiten gemeinsamer Shows wird es sicherlich nicht geben.

 

© Gerald Langer (27-07-2012)