Konzertbericht und Konzertfotos | 11. November 2012 | © Gerald Langer


Wenn die Stille Raum greift

Lambchop aus Nashville als Sextett in der Centralstation Darmstadt

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Darmstadt (music-on-net) Die amerikanische Alternative-Country-Band aus Nashville mit Mastermind Kurt Wagner ist nicht für die ganz großen Bühnen dieser Welt bestimmt – auch nicht in Darmstadt. Dennoch geht es heute Abend ganz hoch hinaus – in den 3. Stock der Centralstation, bequem per Aufzug zu erreichen mit nur einmal Umsteigen. Ein sehr ansprechendes Ambiente erwartet dort den ankommenden Gast. Die sichtbare Stahlkonstruktion prägt den an eine romanische Basilika erinnernden Raumquerschnitt maßgeblich. Über die seitlichen Oberlichter wird heute aber allenfalls noch der Mond herein scheinen.

 

Der Raum mit einem Fassungsvermögen von knapp vierhundert Sitzplätzen füllt sich anfangs nur zögerlich. Aus den Lautsprechern tönt Tracy Chapman, leise und unaufgeregt. Die Bühne ist gegenüber dem Zuschauerraum deutlich erhöht. Ein auf der rechten Seite aufgestellter riesiger Konzertflügel nebst gegenüberliegendem Miniaturschlagzeug bestimmt das Bühnenbild. Im Hintergrund ein dunkler Vorhang, nur leicht farbig illuminiert. Kaum einer nimmt die Musiker des Kollektivs, noch nicht einmal Kurt Wagner mit der für ihn typischen Baseball-Mütze, wahr, als sie vereinzelt die Bühne zum letzten - geräuschlosen - Soundcheck betreten. Sie alle sind hoch geschätzte „Antistars“. Auf der Straße würde man sie sicherlich nicht wieder erkennen. Anders verhält es sich hingegen mit ihrer Musik. Sie ist einzigartig.

 

Kurz nach 20 Uhr wird die ohnehin zurückhaltende Saalbeleuchtung weiter zurückgefahren. Nur noch die rückwärtige Bar bleibt erkennbar illuminiert. Störende Nebengeräusche nehmen ab. Ein Loop wird eingespielt, die Band betritt die Bühne, um mit Kind Of – (Lambchop) zu beginnen. Der Bühnenraum ist nur spärlichst ausgeleuchtet. Eine kleine Herausforderung somit für die anwesenden Fotografen. Absolute Ruhe und Konzentration im ganzen Saal. Die sprichwörtliche Nadel würde man beim Herunterfallen schon als störend wahrnehmen, finden würde man sie ohnehin nicht.

 

Das maximal störende Geräusch einer Spiegelreflexkamera geht von ihrem sogenannten Spiegelschlag aus – das ist laute Klicken, welches der Rückschwingspiegel macht, wenn er hochklappt und den Strahlengang vom Objektiv und Sensor freigibt, und dann erneut, wenn er nach der Aufnahme wieder in seine Ruheposition zurückklappt. Als Fotograf möchte ich aufgrund dieser rein technischen Unzulänglichkeit vor Scham fast im Boden versinken. Nach den ersten drei Songs ist ohnehin Schluss. Wie beinahe in jedem Konzert ist die Ausleuchtung der Bühne danach etwas besser.

 

Showelemente sind ohnehin nicht vorhanden – warum auch? Der Fokus liegt bei Lambchop allein auf der Musik. Im Mittelpunkt steht das aktuelle Album Mr. M, entstanden unter dem Eindruck des Freitodes von Wagners Freund Vic Chestnutt, der selbst ein ausgezeichneter und von vielen hoch verehrter amerikanischer Singer- und Songwriter war. Traurig und verhalten fröhlich zugleich klingen Lambchop aber ohnehin seit Jahren.

 

Diese markante, leicht rauchige, dabei etwas zittrige Stimme von Kurt Wagner, die ihm manchmal – aber nur scheinbar - wegzubleiben droht, die an einen Fisch, der nach Luft schnappt, erinnern mag, die fantastische Instrumentierung und eine Band, die ihr Handwerkszeug eher zu streicheln als auch nur ansatzweise grob zu behandeln weiß - das alles sind die Ingredienzien, die Emotionen in uns wachzurufen vermögen.

 

Ein Song ist erst zu Ende, wenn auch der letzte Ton verklungen ist. Vorher gibt es auch keinen Applaus. Wir genießen jeden Moment ausgiebig, vermitteln uns Lambchop doch zumindest das Gefühl, die Zeit für einen kleinen Moment anhalten zu können. Eine Band, die sich wie Lambchop ohnehin zeitgeistigen Strömungen widersetzt, kann dies ansatzweise gelingen.

 

Den Kontakt zum Publikum sucht der eher scheue Kurt Wagner nicht unmittelbar. Er verwickelt daher seinen langjährigen Pianisten, Tony Crow, in Dialoge, die dieser dann wiederum ins Publikum trägt. Satzfetzen, wie Stückchen einer abgerissenen Buchseite, landen im Publikum. „Wir glauben nicht an den Amerikaner auf dem Mond….“, „ Ein Amerikaner betritt die Bibliothek – fünfzehn Tote…..“. Klingt desillusioniert und beschreibt vielleicht dennoch die momentanen Zweifel und die Frustration weiter Teile der amerikanischen Bevölkerung treffend.

 

Kurt Wagner arbeitet Blatt für Blatt seine am Boden gestapelte Setlist ab. Die Notizen lässt er jeweils - nach kurzem Aufheben der Papierbögen - am Ende der Songs Stück für Stück genüßlich in den Bühnenrückraum segeln. Nach neunzig Minuten verabschiedet sich die Band, um für zwei Zugaben dann noch einmal zu erscheinen. Mit Never My Love geht ein fantastischer Abend noch vor zehn Uhr zu Ende. Zeit genug, um an Ort und Stelle das aktuelle Album als Vinyl zu erwerben. Die Wärme, die dieses Konzert ausgestrahlt hat, möchte man allzu gerne ins heimische Wohnzimmer retten. Dazu die Musik von Lambchop anhören, die wie ein Soundtrack von einem Film klingt, der nie gedreht wurde, der in unseren Köpfen aber reflexartig immer wieder aufs Neue wunderbare Bilder entstehen lässt.

 

Lambchop Is A Band , really - und was für eine großartige!

 

© Gerald Langer (11-11-2012)

 


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