Konzertbericht und Konzertfotos | 6. November 2012 | © Gerald Langer


Eine Blueslegende in Würzburg

Die Johnny Winter Band liefert ein beeindruckendes Konzert in der Würzburger Posthalle

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Würzburg (music-on-net) Wohl niemand geht in ein Johnny Winter Konzert, um im Vorprogramm einen Saarbrücker Gitarristen zu erleben, der in der Fachwelt höchstes Ansehen genießt, aber ansonsten wohl weniger bekannt ist. Thomas Blug heißt der Gitarrenzauberer und er weiß sehr wohl um seinen Bekanntheitsgrad. Insofern ist es auch angemessen, dass er stolz von sich und den ihn beeindruckenden Begegnungen in der große Welt der Premium-Gitarristen erzählt und uns dazwischen seinen ganz speziellen Aperitif kredenzt. Er war unter anderem mit schon mit Tic Tac Toe, den von mir so hochgeschätzten Rainbirds und mit Stewart Copeland, dem Drummer von The Police, unterwegs gewesen.

 

Bereits 1997 wurde er vom Deutschen Rockmusikerverband als „Bester deutscher Rock-Pop Gitarrist“ ausgezeichnet. Keiner von uns hat es wahrscheinlich mitbekommen, aber das Prädikat geht – davon können wir uns fünfzehn Jahre später in der Würzburger Posthalle überzeugen - vollkommen in Ordnung. Er offeriert Kostproben der Thomas Blug Band, in der - neben anderen - auch der Niederländer Thijs van Leer (an der legendären Querflöte und am Keyboard), vor vielen Jahren mit Jan Akkerman Stil prägend bei Focus, spielt. Kleine Soundschnipsel reichen schon, um vor dem heute in Ehren ergrauten Publikum Gänsehaut zu erzeugen. Eine gute halbe Stunde praktizierte Loblieder auf seiner Fender Stratocaster – und ein famoses All Along The Watchtower von Jimi Hendrix. Wie passend – tagsdrauf spielt Thomas Blug, neben Randy Hansen, im Hamburger Starclub im Rahmen der Veranstaltung 70 Jahre Jimi Hendrix – 50 Jahre Star-Club.

 

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Ich will ehrlich sein. Bei Johnny Winter hatte ich im Vorfeld ein etwas ungutes Gefühl. Hatte ihn im Mai 2011 im Colossaal Aschaffenburg erlebt. Dort war ich von seinem Spiel, aber leider genauso von seinem erkennbar labilen Gesundheitszustand gleichermaßen beeindruckt. Meine Erwartungen waren somit eher etwas verhalten. Diese Bedenken sollen sich als weitestgehend unbegründet erweisen. Johnny Winter ist sicherlich nicht in einen Jungbrunnen gefallen und fit wie der sprichwörtliche Turnschuh. Aber er liefert zusammen mit seiner Band ein durchgehend packendes Set.

 

Zur Bewahrung und Pflege des Blues hat der Texaner Maßgebliches beigetragen. Als Weißer, ausgerechnet auch noch als Albino, hat er seit den 1960er Jahren ein Terrain erobert, was lange Zeit ausschließlich von den farbigen Urhebern besetzt war. Nur in diesem Personenkreis schien der Blues überhaupt authentisch.

 

Die Aktualiät und das immerwährende Interesse am Blues sind ohne Johnny Winter kaum vorstellbar. Der texanische Meistergitarrist hat das Genre den harten Rock gelehrt und ein weißes Publikum überhaupt erst dafür begeistert, nachdem die schwarzen Urheber „ihre Musik“ lange für sich allein beansprucht hatten.

 

Die Johnny Winter Band zündet am heutigen Abend ein wahres Feuerwerk. Johnny B. Goode, Little Schoolgirl, Mojo Working, lange Versionen von Jumpin’ Jack Flash und Gimme Shelter auf dem Klappstuhl sitzend und ein It’s all Over Now sogar im leicht vornüber gebückten Stehen. Seine Stimme zwar leicht zittrig, aber sie hält charaktervoll durch. Meine Nachfrage nach einer Setlist bei der Tourbegleitung läuft ins Leere. Die Johnny Winter Band entscheidet recht spontan über das abendliche Gesamtprogramm. Auch gut, sogar sehr gut.

 

Nach etwas über einer Stunde verlässt Johnny Winter die Bühne und kehrt natürlich nochmals für ein Zugabenset zurück. Viele Zuhörer stehen nunmehr direkt vor der Bühne. Am Schluss noch ein prickelndes Highway 61.

 

Möge die Reise der Johnny Winter Band im unmittelbar vor der Posthalle geparkten Wohnmobil noch etliche Jahre weitergehen. Wir stehen bereit Johnny oder - soll ich besser sagen - wir sitzen bereit? Die Posthalle war heute für rund 400 Gäste ausnahmsweise bestuhlt, was wohl auch dem fortgeschrittenen Lebensalter des Publikums geschuldet war.

 

In der Halle sind mittlerweile die Stühle schon gestapelt, als die letzten Gäste die Posthalle verlassen. Vor Johnny Winter's Wohnmobil immer noch Fans, die sich mit gebrachte Tonträger signieren lassen wollen. Starkult – nein. Eher der gebührende Respekt vor einer Blues-Legende! Wir ziehen also unseren Hut. Johnny Winter hat ihn, im Wagen sitzend, auch schon abgelegt.

 

© Gerald Langer (06-11-2012)


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