Konzertbericht und Konzertfotos

Kanadische Freigeister auf dem Killesberg

Ein lauschiger Abend mit der Kanadierin Feist auf der Stuttgarter Freilichtbühne

FEIST | STUTTGART FREILICHTBÜHNE | 22-08-2012 | © GERALD LANGER
FEIST | STUTTGART FREILICHTBÜHNE | 22-08-2012 | © GERALD LANGER

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Stuttgart(music-on-net) Die denkmalgeschützte Freilichtbühne liegt mitten im Höhenpark Killesberg. Ein leichter Aufstieg nur vom Parkplatz aus über das Gelände der Internationalen Gartenschau 1993. Viel Schönes ist aus dieser Zeit erhalten geblieben. Wasserfontänen, die bei leichtem Seitenwind auch die Gehwege mit einbeziehen und dort das kühle Nass von oben herunterfallen lassen, sind an einem Sommertag im August die rechte Erfrischung. Das Oval der Freilichtbühne ein wunderbares Ambiente für ein Open Air an einem Sommerabend, bei dem angenehme Außentemperaturen und eine gute Stimmung im Publikum und auf der Bühne obsiegen sollen. Schnell sind die katastrophalen Straßenverkehrsverhältnisse, die einem den Zugang zur Stadt, „zum Städele“, durchaus verleiden können, vergessen.

 

Vergleichsweise spät ist der Support für Leslie Feist angekündigt worden. The Hidden Cameras, ebenfalls aus Kanada, Garanten für spektakuläre Auftritte. Das Musikerkollektiv um den Kopf und Sänger Joel Gibb provoziert regelmäßig mit seiner Musik, welche sie "Gay Church Folk Musik" nennen. Die Anzahl ihrer Aktivisten auf der Bühne ist regelmäßig ungewiss.

 

Pünktlich um 19 Uhr beginnt der kanadische Abend.

 

Die Hidden Cameras liefern heute allerdings nur eine One-Man-Show. Lediglich Joel Gibb gibt sich die Ehre. Zu kurzfristig war wohl die Einladung von Leslie Feist gewesen. Später erfahren wir, dass er ohnehin in Deutschland – auf dem Weg nach München – sei. Enttäuschung aufgrund der Reduktion der „Big Band Hidden Camera“? Überhaupt nicht. Gibb liefert zwar nur ein 25-minütiges - Folk geprägtes - Set. E-Gitarresound mit etlichen Echos versehen, eine feine Stimme dazu. All dies reicht aus, um auf ihn und seine Band aufmerksam zu machen. Das vorletzte Stück spielt er mit verbundenen Augen, während sich die Band von Leslie maskiert auf die Bühne traut und ihn begleitet.

 

Am Schluss noch ein „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ von Ton, Steine, Scherben. Eine Hommage an die deutsche Polit-Rock-Band, an Rio Reiser und an Berlin, die Metropole, in der auch Joel Gibb zumindest eine zeitlang gelebt hat.

PHOTO: GERALD LANGER
JOEL GIBB | ONE HIDDEN CAMERA | STUTTGART FREILICHTBÜHNE | 22-08-2012

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Es ist angerichtet.

 

Kurz nach 20 Uhr erscheint die zierliche Leslie Feist auf der Bühne.

 

Die junge Kanadierin hat, von der Punkmusik kommend, zu Beginn des Jahrtausends mit der Band Broken Social Scene größere musikalische Aufmerksamkeit erregt. Als diese Band ihre ersten kommerziellen Erfolge feiern durfte, stieg Leslie, eigene Projekte im Kopf, schon wieder aus. Drei Solo-Alben hat sie bis heute veröffentlicht. „Let it Die“, „Forgiveness“ und aktuell das Album „Metals“, mit dem sie in diesem Jahre bereits das zweite Mal in Deutschland auf Tour ist.

 

Wurde sie schon bei ihren Hallenkonzerten im Frühling gefeiert, soll die Wertschätzung der zarten Sängerin und Songwriterin - an der frischen Luft erlebt - keineswegs geringer ausfallen.

 

Ihre Musik ist wie die Weiten Kanadas – wild, ungestüm auf der einen Seite, sanftmütig und mit klarer Stimme versetzt auf der anderen Seite. Egal , ob an der E-Gitarre oder an der Akustiggitarre, die Songs gewinnen gegenüber den Produktionen auf ihren Alben allesamt. Ein aktuelles Live-Album - nur eine Frage der Zeit!

 

Manchmal Lagerfeuerromatik, dazwischen gar ein Walzer, dann wieder rockige Stücke. Diese Bandbreite beherrscht schon seit Jahrzehnten auch ihr Landsmann Neil Young auf seine besondere Art und Weise. Das unmittelbar erlebte Umfeld kann somit durchaus Stil prägend sein.

 

Leslie Feist hat Charisma und schafft auch heute Abend viele magische Momente. Ein Fest der Sinne, der Ohren aber insbesondere auch der Augen, wenn man in den ersten Reihe steht. Bei den hohen Tönen erinnert ihre Stimme manchmal an Kate Bush, in bei den rockigen Passagen auch mal an die junge Sheryl Crow. Ist das wirklich noch typischer Indie –Rock? Feist’s Platten werden bei uns mittlerweile von einem Major-Label, nämlich UMG (Universal Music Group) vertrieben.

 

Nennen wir sie besser Freigeist. Obwohl unübersehbar auf der Bühne ein „Free Pussy Riot“- Banner prangt, reagiert sie auf einen entsprechenden Zuruf aus dem Publikum mit einem:

 

„Let’s play some songs, that’s the best we can do!“

 

Feist ist keine Polit-Rockerin. Im Mittelpunkt steht die Musik, ihre eingespielte Band und die sie heute Abend unterstützenden, aber durchaus mit im Vordergrund stehenden, Backgroundsängerin von Mountain Man. Dieses unprätentiöse A-Capella-Trio setzt feine Akzente und bildet äußerlich und stimmlich einen passenden Kontrapunkt zur Rock-Göttin Feist.

 

Auch Joel Gibb darf zwischendurch noch einmal mit auf die Bühne. Gemeinsam intoniert er mit Leslie Feist „The Wagoner’s Lad“, ein Country-Traditional. Bei dem sich anschließenden „I Feel It All“ unterstützt er stimmlich Mountain Man.

 

Nach nur fünfundsiebzig Minuten soll bereits Schluss sein?

 

Mitnichten – es beginnt der erste Zugabenteil – „Sea Lion Woman“, „Pine Woman“ (der MP3- Gratisdownload aus dem Album Metals) und „Let it Die“. Dann noch mal Feist – Solo: der erste Song liegt daneben, Text und/ oder Melodie vergessen? Macht nichts – wir sehen ihr alles nach. Im Anschluss daran noch ein großartiges „Intuition“. Nach gut einhundert Minuten Feist ist wirklich alles aus und vorbei.

 

Ein wunderbarer Abend in Stuttgart und eine absolut problemlose Heimfahrt.Fahre ich schon oder schwebe ich noch?

 

© Gerald Langer (22-08-2012)

 

Setlist Feist:

 

Undiscovered First | How Come You Never Go There | Mushaboom | So Sorry | The Circle Married The Line | Anti-Pioneer | My Moon My Man | The Limit To Your Love | A Commotion | The Wagoner’s Lad (feat. Joel Gibb) | I Feel It All ( feat. Joel Gibb) | Comfort Me | The Bad In Each Other | Get It Wrong, Get It Right | Encore: Sea Lion Woman | Encore: Pine Woman | Encore: Let It Die | Encore: Intuition

 

 


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