Konzertbericht und Konzertfotos | 27. April 2012 | © Gerald Langer


Paul ist tot - Die Neue Deutsche Welle damit vor der Renaissance?

Fehlfarben am Freitag, den 27.04.2012 in der Centralstation Darmstadt

© GERALD LANGER
PETER HEIN (FEHLFARBEN) | CENTRALSTATION DARMSTADT | 27-04-2012 |

Darmstadt (music-on-net.com) Das Konzert der Fehlfarben in Darmstadt findet im Rahmen der Ausstellung „Schlachtpunk – Malerei der achtziger Jahre“ statt. Somit auch ein finaler musikalischer Höhepunkt? Wir werden sehen.

 

Der Rezensent hat gerade in der Blütezeit der Band wertvolle Studienjahre in Darmstadt verbracht. Die Anreise wird daher allzu gerne in Kauf genommen für ein bisschen Schwelgen in Erinnerungen. Die Stadt hat sich äußerlich spürbar verändert, wenn man sich - so wie ich – über die Mathildenhöhe und die Erich-Ollenhauer - Promenade zum Schloss schwemmen lässt. Die Fototasche ist schwer, hat sich früher irgendwie leichter angefühlt und auch tragen lassen.

 

Vor dem anstehenden Konzert noch ein Kaffee im „City Carree“, Blickrichtung Eingang Centralstation. Wo bleibt denn der Publikumsansturm der Ü-50-Liga? Um 19:30 tut sich hier – eigentlich nichts!

 

Kurz vor 20:00 ist Einlass – die Rockformation Diskokugel, ich gestehe es, mir gänzlich unbekannt, betrieb bis zuletzt noch Soundcheck! Klingt schon gut, bin gespannt auf das, was da kommen wird. Hauptsache, es kommen noch mehr Zuhörer. Die Fehlfarben planten hier schließlich kein Wohnzimmerkonzert wie einst die Toten Hosen, ebenfalls aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf.

 

Das Licht geht aus, die Diskokugeln – mit Schlips - betreten die Bühne und legen ein grandios rockiges Set aufs Parkett. Sie sind Lokalmatadoren und damit dem einen oder anderen Zuhörer – der Publikumsraum füllt sich mittlerweile zusehends – nicht unbekannt.

 

„Ihr seid ja richtig gut“, hört man Stimmen in vorderster Reihe. Dies kann von meiner Seite nur bestätigt werden. Die Burschen spielen seit 1997 zusammen und haben schon einige Tonträger auf den Markt gebracht, darunter so denkwürdige Albentitel wie „Mit 70 durch die Ortschaft“. Diese schräge Betitelung scheint irgendwie Programm der Band zu sein. Das aktuelle Album „The Boy With The Zorn In His Eyes” wird heute nahezu komplett vorgestellt. Das Warm-Up für die Fehlfarben ist damit mehr als nur gelungen. Und ich bin um die Erfahrung reicher, dass es in Darmstadt auch Jahre nach Fred Hill und seiner Combo („In Darmstadt iss-es prima“) eine weitere bärenstarke Band gibt. Zur Erinnerung an Fred Hill gab es posthum eine Sackgasse. Die Diskokugeln verdienen sicherlich eine stark befahrene Durchgangsstraße – schließlich gilt „Mit 70 durch die Ortschaft“.

 

Setlist – Rockformation Diskokugel

 

Unser Haus – Handschlag – Ich wart seit Jahren auf diesen Tag – Anfangs fand ich das noch cool – Die Sixties – Der Chef – Raumschiff DDR – Der Tag mit Sid Vicious – Winterzeit – Die Schulden

 

Bühnenumbau für Fehlfarben, die gegen 21.45 ihre Show mit „Glücksmaschinen“ starten. Sehr viel Altes wird aus lizenzrechtlichen Gründen heute Abend nicht zu hören sein. Den Plattenfirmen geschuldet und damit immer noch in starker Abhängigkeit von der Musikindustrie soll bzw. muss vorrangig „Mittelaltes und Neueres“ gespielt werden. Peter Hein moderiert den Auftritt mit kultivierter Schnoddrigkeit. Wie ein somnambuler bunter Papagei ist er gekleidet und wandelt schlaksig über die Bühne. Er steht klar im Fokus.

 

Der Auftritt wird gefilmt – Peter Hein bedankt sich für die große Flasche „Fernsehbier“, aus der er sich ab und dann ein Schlückchen gönnt. Muss wohl auch sein – Mittags wurde bereits ein Interview in der Kunsthalle fürs TV aufgezeichnet. Seine Stimme braucht geeigneten Balsam. Eine wirkliche Singstimme hatte er noch nie. Eindringlich und mahnend ist sie dennoch – darauf kommt es an.

 

Zur Förderung der eigenen Textsicherheit hat er am Boden eine Vielzahl von Zetteln ausgebreitet. Wie er aus geschätzten 1,90 Meter Aughöhe diese lesen möchte, erschließt sich mir nicht. Mitte fünfzig und noch so gute Augen – beneidenswert. Die Alternative - Fehlfarben mit Souffleuse – mag ich mir gar nicht vorstellen.

 

Saskia von Klitzing am Schlagzeug sorgt mit ihrer Virtuosität maßgeblich für die Power im musikalischen Kosmos der Fehlfarben. Seit dem 2002er Album „Knietief im Dispo“ trommelt sie, neben vielen anderen Engagements, regelmäßig für die Band. Möge ihr intensives packendes Schlagzeugspiel die Band wirklich dauerhaft dem „Dispo“ fernhalten.

 

Das neue Album „Xenophonie“, von Peter Hein im entsprechend gestalteten schlabbrigen Oberhemd subtil vermarktet, wird am 18. Mai 2012 veröffentlicht. Einige Pretiosen hören wir heute Abend schon. „Platz da“ – eben auch für Neues.

 

Die Rufe nach „Paul ist tot“ werden lauter. Die Fehlfarben werden auch heute noch immer an der Vergangenheit gemessen, dabei dreht sich das Mühlrad der Geschichte unaufhörlich weiter. Mit dem Album „Monarchie und Alltag“ haben sie 1980 ein Manifest des Aufbegehrens gegen das Establishment geschaffen. Ein Albumklassiker aus der insgesamt sehr kurzen „deutschen“ Musikepoche , die zu Beginn der 1980er Jahre schlicht unter der „Neuen Deutschen Welle“ subsumiert wurde. Der anschließende emanzipatorische Prozess führte zur vorübergehenden Auflösung der Band am Ende der 1980er Jahre. Peter Hein war bereits nach Veröffentlichung von „Monarchie und Alltag“ ausgestiegen.

 

Natürlich werden heute auch die Klassiker „Es geht voran“ und zu guter Letzt - im Zugabenblock – „Grauschleier“ und „Paul ist tot“ gespielt. Selbiger wird auf der Elektrogitarre von Uwe Jahnke, seit 1981 bei den Fehlfarben, regelrecht zermalmt.

 

Paul ist (noch nicht) tot! Aber gebt auch den Fehlfarben im hier und jetzt eine Chance.

 

Unser Credo lautet schließlich: „Keine Atempause – Geschichte wird gemacht – es geht voran!“ Und damit wäre auch die Frage nach einer Renaissance der Neuen Deutschen Welle beantwortet.

 

© Gerald Langer (27-04-2012)

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