Konzertbericht und Konzertfotos | 9. März 2012 | © Gerald Langer


"Ich möchte gerne Teil einer Jugendbewegung sein..."

Die Performance von Culcha Candela in der s. Oliver Arena am 09.03.2012

CULCHA CANDELA | "LIVE" | S_OLIVER | WUERZBURG | 10-03-2012 | © GERALD LANGER
CULCHA CANDELA | S. OLIVER ARENA | WUERZBURG | 09-03-2012 | © GERALD LANGER

Würzburg (music-on-net) Mit schreienden Gitarren haben die Hamburger Indierocker Tocotronic dieses Zugehörigkeitsgefühl einst 1995 hinausgeschrien. In den zuhauf in die s. Oliver Arena geeilten – meist jungen, zum Teil sehr jungen - Zuhörer, nicht selten ist ein Elternteil als Begleitperson mit dabei, scheint dieser Wunsch, auch dazu zu gehören, wozu eigentlich, ebenso lebendig. Der Publikumsansturm ist schließlich gewaltig. Die Boygroup gastiert mittlerweile zum vierten Mal in Würzburg. Dass die Posthalle voraussichtlich für diesen Event nicht ausreichen könnte, war schon bald klar geworden. Am heutigen Freitagabend sind es, sage und schreibe, etwa 4300 Zuhörer. Wahnsinn! Der Konzertbeginn ist auf 19.30 fixiert und wird vom Support „NEOH“ aus Gießen auch exakt eingehalten.

 

Dreißig Minuten sehr bekömmliche Rockmusik aus der Mitte der Republik, ohne Ecken und Kanten. Schlürft sich wie ein alkoholfreier Cocktail. Tut gut, schwingt ein auf den Hauptact des Abends. NEOH – das sind Sängerin Fee Mietz, die Gitarristen Matthias Bender und Markus Cebulla, Bassist Moritz Bonica und Drummer Hannes Grygar. Im Mittelpunkt zweifelsohne die „Fee“, mit aussagekräftiger Stimme, Ausstrahlung und, und, und. Wäre da nicht der Umstand, dass wir ähnlich Radiotaugliches doch schon auch von Silbermond, Juli und wie sie alle heißen mögen, gehört haben. Dies soll die Qualität von NEOH nicht in Frage stellen. Man kann nur prophezeien, dass es schwierig wird, sich mit dieser eingängigen Musik auf dem nationalen Musikmarkt zu behaupten und dabei ein eigenes, unverwechselbares, Profil zu entwickeln. Support zu sein für einen Headliner wie Culcha Candela und damit vor sehr großem Publikum auftreten zu können, möge der Band dabei eine hilfreiche Stütze sein. Keinesfalls sollte die „zauberhafte“ Fee weiterhin die ohnehin knappe halbe Stunde im Vorprogramm mit vollkommen überflüssigen Anheizparolen für die nachfolgenden „Culchas“ nutzen. „Habt ihr Lust auf Culcha Candela?“ Falsche Frage, liebe Fee. Diese Burschen kennt ohnehin schon jeder in der Halle, wegen ihnen sind sie schließlich alle da.

 

Eine gute halbstündige Umbaupause bis kurz nach halb Neun der große Vorhang fällt. Da steht das singende Quintett nun nicht nur auf der bloßen Bühne, sondern auf einem weiteren Podest. Die Ikonen in roten Jacken – Schreck lass nach, sind die Jackson Five wieder aktiv geworden? Culcha Candela sind gar nicht Quintett, sondern eigentlich Sextett. Don Cali, Itchy, Reedoo, Larsito, Johnny Strange und DJ Chino hinter den Turn-Tables (Plattenspielern) und damit eher im Hintergrund. Es wird getanzt und gehopst. Bald schon sind die Arme der Fans gen Hallendecke gestreckt. Der Draht zum stehenden Publikum steht von der ersten Sekunde an. „Flätrate“ heißt das laufende Tourprogramm, Würzburg nach Dresden am Donnerstagabend ist die zweite Station. Hier wird was für das Auge geboten. Mehrere Quader am Boden und an der Decke kaskadenartig angeordnet geben der Bühne Tiefe, im Hintergrund ein horizontal angeordneter großer LCD-Screen. Die gesamte Bühne wird laufend und unterschiedlich illuminiert. Mehrere adrette Tänzerinnen unterstützen das Projekt Culcha Candela auf der Bühne. Alles ist Bewegung – „all is motion and emotion“. Es ist das große „Wir“- Gefühl, welches heute Abend ausgelebt wird. Die Culchas unterhalten heute abend musikalisch eine Riesenhalle. Instrumente sind bis auf den Einsatz „bespielter Leuchtstäbe“ zwischendurch nicht auszumachen. Woher kommt eigentlich die Musik? Wer legt außer DJ Chino hier die Platten auf? Sind die Stimmen der Culchas echt oder alles Playback und Karaoke? Woran haben wir eigentlich teil? War es zunächst als Clubauftritt geplant, ist dann außer Kontrolle geraten und der gängigen Clubgröße entwachsen? Mit einem klassischen Konzertauftritt hat dies ja alles überhaupt nichts gemein. Ein absolut perfekt zu nennendes Programm wird geboten, Fernsehen zum Mitmachen mit mehr als viertausend anderen Zuschauern.

 

Nach achtzig Minuten ist das Set abgearbeitet. Um Zugaben muss das Publikum nicht lange bitten – es folgen „Flätrate“ , „Hama“ zum Mittanzen nach präziser Vorgabe der Band (hier wirken Culcha Candela wirklich „live“) und „Monsta“(-party).

 

Kurz nach Zehn ist die Show vorbei, für die jüngsten Besucher ist es ohnehin Zeit zu Bett zu gehen. Glückliche Gesichter allenthalben. Musikkultur ist eben ein breites Feld. Sind wir letztlich froh, dass sie insgesamt so viele Facetten zeigt und auch so unterschiedliche Zuhörerkreise anspricht. Eine musikalische Monokultur wollen wir schließlich nicht. Breitband, ja, aber nicht zwingend Flatrate, auch wenn die Culchas aktuell mit dem Begriff "Flätrate" kokettieren und geschickt spielen.

 

„The Times They Are a-Changing“, so good old Bob Dylan vor beinahe fünfzig Jahren. Wie recht er doch damals schon hatte. Allerdings gilt diese Aussage immer und zu jeder Zeit. Selbstverständlich auch heute.

 

Ich fahre jetzt erstmal – wirklich nur leicht irritiert – nach Hause. Schaue mir kurz die geschossenen Fotos an. Im Fernsehen läuft noch Aspekte – das neue Album von Bruce Springsteen wird kurz vorgestellt. Endlich wieder „handmade-music“. Ich denke, die neue Scheibe vom Boss hole ich mir demnächst ins Haus.

 

„Jedem das Seine“, gilt übrigens für jeden von uns.

 

© Gerald Langer (09-03-2012)

 

JUNGE FANS VON CULCHA CANDELA  (HIER OHNE BEGLEITSCHUTZ)
JUNGE FANS VON CULCHA CANDELA (HIER OHNE BEGLEITSCHUTZ)

Konzertfotos | Culcha Candela

Konzertfotos | NEOH