Konzertbericht und Konzertfotos | 16. März 2013 | © Gerald Langer


"Mit Larry wollen sie alle einmal spielen!"

Die 5. Reichenberg Guitarmasters werden wieder einmal zum Gipfeltreffen der Ausnahmegitarristen

Reichenberg (music-on-net) - Im letzten Jahr sah es noch aus, als würde die kurze Ära der Reichenberger Guitar Masters zum Leidwesen vieler Interessierter zu Ende gehen. Doch schon im vergangenen Herbst liess Reinhold Deinhardt durchblicken, dass es irgendwie weiterginge. Mich erreichte bereits im Sommer 2012 eine hoffnungsvoll stimmende E-Mail.

 

Mittlerweile ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung von Gitarrenmusik und interkultureller Verständigung in Gründung. Von diesem Entstehungsprozess wird auch Michael Ehlers zur Begrüßung und Einführung in einen langen Konzertabend künden. Den Mitgliedern werden bevorzugte Sitzplätze in Aussicht gestellt. Als bisheriges Nicht-Mitglied habe ich glücklicherweise heute Abend wieder meine sportliche Gattin dabei, die tatsächlich zwei hervorragende - nicht markierte - Sitzplätze ergattern kann. Zeitig kommen, guter Platz ist in Reichenberg bisher ungeschriebenes Gesetz. Wir waren zeitig da - noch vor 18 Uhr - aber bei weitem nicht die ersten. Das Interesse ist groß, die meisterliche Konzertreihe ist schließlich seit Wochen ausverkauft.

 

Beim dreiviertelstündigen Herumstehen geht mir so manches durch den Kopf. Wird es sich lohnen, Larry Coryell ein drittes Mal live zu erleben. Wenn der Amerikaner nächstes Jahr wieder dabei sein wird, würde ich mir überlegen, mich hier noch einmal anzustellen und zu warten. Es dauert auch nicht lange, da steht der Amerikaner mit Gepäck und anderen Musikern direkt neben uns und fragt doch tatsächlich nach dem Weg. Schier unglaublich, von Anbeginn ist er dabei und kennt den Weg nicht. Das hat er doch hoffentlich nicht ernst gemeint. Als Skeptiker fühle mich ja schon innerlich irgendwie bestätigt.

 

Nun aber zum Abend selbst. Eröffnet wird das Programm vom Gianluca Persichetti Trio. Brasilianische Musik trifft auf italienische Musiker. Dies funktioniert auf jeden Fall um vieles besser als manche fussballerische Begegnung dieser Nationen. Ein furioser Auftakt mit einigen Soli von Gianluca Persichetti, Direktor der Musikakademie in Rom, Marco Loddo am Bass und dem Percussionisten Stefano Rossini. Ihre multilingualen Kommunikationsversuche mit dem Publikum entbehren zudem nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik.

 

Einen besonderen Akzent setzt danach der New Yorker Adam Rafferty. Er steht allein auf der Bühne und schafft es - im Flyer war es bereits so angekündigt - wie eine komplette Band zu klingen. Mit viel Witz und Coolness zeigt er Fingerstyle vom feinsten.

 

„How To Play The Music Of Stevie Wonder For Solo Fingerstyle Guitar“ kann man auf seiner Website lesen. Uns allen erteilt er heute seine Lektion in der unprätentiösen Mehrzweckhalle von Reichenberg.

 

Songs von Stevie Wonder (Superstition), der Jackson 5 (I‘ll Be There) und von Michael Jackson ( Billy Jean) samt angedeutetem Moonwalk klingen so brilliant, dass man darüber die Originalversionen zwar nicht vergessen kann, aber gebannt ist von der Art und Weise, wie Rafferty in den Kern dieser Evergreens vordringt und sie uns so serviert, als hätten wir bei den Originals bisher nie richtig hingehört.

 

Mit seinem außergewöhnlich guten Deutsch und seinem Witz ist er zudem ein idealer Entertainer. Leider ist sein Auftritt zu kurz. Das meint auch das Publikum und fordert Zugabe. Vor die Wahl gestellt, ob es lieber einen weiteren Michael Jackson Song oder etwas von Chick Korea hören möchte, entscheidet sich die Mehrheit dann doch für denn Jazzpianisten. Wir lauschen einem Klassiker - „Spain“.

 

Kann man diesen Auftritt überhaupt noch „toppen“? Ich gebe zu, dass ich es mir zu diesem Zeitpunkt kaum vorstellen kann.

 

Mit dem Duo Kazumi Watanabe und Larry Coryell zeigt der Abend eine neue, eine andere Facette. Hatte zuvor noch Adam Rafferty auf die Bedeutung von Groove und Melody beim Jazz hingewiesen, um das Publikum erreichen zu können, zeigen die beiden hier ein eher intellektuelles Zusammenspiel, dem der Zuhörer zwar andächtig und beeindruckt lauscht, bei dem aber der Funke nicht gleich so überspringen mag.

 

Dies ändert sich, als sich der indische Percussionist Ramesh Shotham dazugesellt und die beiden Koryphäen rhythmisch und stimmlich („dagadagadagadaga...“) unterstützt. Eine Zugabe wird dieses famose Trio dennoch nicht geben. Steht doch noch das große Finale mit den „All Stars aus vier Nationen“ aus.

 

Die „Findungsphase der multinationalen Band“ dauert dann einige Minuten, die frische Formation dümpelt förmlich so vor sich hin, bevor sie - santanaesk improvisierend - förmlich explodiert. Unglaublich, was sich auf der Bühne abspielt.

 

Larry Coryell steht dabei häufig auf und rockt förmlich. Er muss die Italiener gar davon abhalten, die Bühne allzu verfrüht zu verlassen. Seiner Autorität und seiner unglaublichen Energie ist es zu verdanken, dass auch diese All Star Band wieder einmal ein glanzvolles Finale bei einem Konzertreigen bietet, welcher kurz nach Mitternacht zu Ende geht. Keine weitere Zugabe mehr, Larry Coryell schüttelt verneinend den Kopf. Es reicht ihm und den sicherlich meisten von uns Zuhörern. Einige wenige sind ohnehin wieder vorzeitig gegangen.

 

Und ich? Ich kann mir die nächsten Guitar Masters nur mit Larry Coryell vorstellen. Denn „mit ihm wollen“, so Michael Ehlers, Mitinitiator der Guitar Masters in Reichenberg, „sowieso alle irgendwann einmal gespielt haben“. Ganz sicher wird Reinhold Deinhardt bis dahin wieder ein wunderbares Programm zusammen gestellt haben. Und der heute Abend anwesende Bürgermeister von Reichenberg sollte zusammen mit dem Gemeinderat vielleicht einmal über eine Ehrenbürgerschaft des Amerikaners nachdenken.

 

Wir sehen uns im nächsten Jahr!

 

Gerald Langer (16-03-2013)

 


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